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Die Ballade vom Totengräber

Philipp Galizia mit «Am Seil abelo» bei «Kultur i de Aula» zu Gast

goldach. An diesem Wirtshaustisch sass Lunzi, der Totengräber, immer. Jetzt ist er tot. Philipp kann es kaum glauben. Zusammen mit seinem Kontrabass und einem Bier erinnert er sich. «Am Seil abelo», ein aussergewöhnliches Erzähl- und Musiktheater.

Rosmarie Lutz

Der Erzähler verlässt die Bühne nie, nicht während des ganzen Stücks, das 140 Minuten dauert. Die alten Geschichten, Erinnerungen und Anekdoten und Lunzis Flüche nehmen die Zuhörer mit in die Vergangenheit. Der Kontrabass vertont sanft und holzig, witzig und lebensnah. Immer wieder singt Philipp Galizia warme Chansons. Sie erinnern an Matter, an Blüemlirock. Meist sind sie melancholisch und lustig zugleich.

Todernst

Sterben ist im Grunde eine todernste Sache, Totengräber Lunzi war es nicht. «Beim Arbeiten denke ich nie an den Tod», soll er einmal gesagt haben. Im Stammlokal konnte er Witze reissen, unabhängig davon, ob er Bier oder Ovomaltine trank. Ansonsten stellte er wenig Fragen, sagte nichts, wenn er einen Siebenjährigen begraben musste oder eine Bekannte starb. Der Erzähler Philipp hält es mit Lunzi. Alles ist halt wie es ist. Irgendwann wird jeder am Seil «abeglo», nun war Lunzi selbst an der Reihe.

Als Philipp ein Bub war und mit dem Vater über den Friedhof ging, ist er dem Totengräber zum ersten Mal begegnet. «Haben die nichts Besseres zu tun, als reihenweise den Löffel abzugeben, jetzt, wo mir die Erde auf der Schaufel gefriert», habe dieser beim Arbeiten geflucht. Lunzi wäre gerne Bauer geworden, doch sein Bruder hatte den elterlichen Hof übernommen. Er lernte Gärtner, und am Ende war er Totengräber. So hatte er seinen Hof am Ende doch noch bekommen, den Friedhof. Geheiratet hat er nie. Die Tochter des Gemeindeschreibers hätte ihm zwar gefallen, aber Margritli wollte nicht Frau Totengräber sein. Wer will das schon.

Nur keine Nelken

Lunzi war 43 Jahre bei jedem Wetter draussen gewesen und hatte nicht einen Tag gefehlt. Kurz vor seiner Pensionierung hatte ihm die Gemeinde zur Entlastung ein kleines «Baggerli» besorgt. Mit den vielen Knöpfen kam Lunzi nicht zurecht, walzte die Familiengräber platt, einzig die Kirchenmauer konnte ihn bremsen. Und einmal habe er zuviel «Birämoscht» getrunken. Während der Beerdigung der Frau Doktor, genannt Praliné, habe er grausam riechende Böen fahren lassen. Er tat so, als müsse er fürchterlich schluchzen, damit er in die Sakristei flüchten konnte, bevor es ihm die Beine hinunterlief. Die zwei – der Lunzi und das Praliné – hätten einmal etwas zusammen gehabt, hiess es fortan im Dorf.

Nelken mochte Lunzi gar nicht, und nun schmücken weisse Nelken sein Grab. Sterben ist nicht einfach und nicht gratis. Philipp sinniert, wie er seine eigene Beerdigung wünschen würde und beginnt ein Drehbuch zu schreiben.

Es gab ihn wirklich

Erstens: Keine Klassik, sondern Swing. Zweitens: Bunte Kleider, kein Schwarz. Drittens: Fotos fürs Album, bei Taufen und Hochzeiten fotografiert man ja auch. «Wie wirbt eine Bestattungsfirma eigentlich?» fragt sich Philipp. Mit Slogans wie: Wir planen ihre letzte Reise, schreiben ihr Leben neu mit Zeilenhonorar! Oder: Mit uns reisen sie preiswert in die Ewigkeit, geben Sie uns nur Ihre Masse bekannt!?

Lunzi gabs wirklich. Er hiess Köbi, lebte in Muri und Philipp Galizia kannte ihn gut. In seinen Jugendjahren half Philipp dem Onkel, einem Bildhauer, öfters beim Setzen der Grabsteine. Diese Erinnerungen gaben den Impuls zum Stück. Trotzdem ist «Am Seil abelo» kein dokumentarisches Abbild geworden, denn die Fabulierkunst nahm schnell Überhand. Die schalkigen Texte zur episch-dramatischen Ballade schrieb Adrian Meyer, die Lieder komponierte Res Wepfer, der mit Galizia auch als Trio Pfannestil unterwegs ist.

 

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