Aus dem Tagblatt vom 10.11.2008: St.Galler Tagblatt AG
Sogar Goethe verliert gegen die kaiserliche Sprachakrobatik
Vier Künstler, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Beim ausverkauften "Special Event" von Kultur i de Aula trafen am Freitag das Trio Corretto und Poetry Slammer Renato Kaiser aufeinander. Eine begeisternde Mischung.
Corina Tobler
GOLDACH
Zum Joe-Cocker-Hit "You Can Leave Your Hat On" begrüsste Renato Kaiser das Publikum an den voll besetzten Bistrotischen in der Aula. Dass er als erfolgreicher Nachwuchspoet nicht mit grossen Worten spart, stellte er gleich von Anfang an klar. Er führte sich selbst scherzhaft als "den Kaiser" ein, Corretto als "nette Durchschnitts-Playbackband" und versprach den Zuschauern, ihnen nicht nur zu erklären, was Liebe sei, sondern auch ihrem Leben einen Sinn zu verleihen.
Aufstieg zum Weltverbesserer
Um die hoch gesteckten Ziele erreichen zu können, baute der junge Goldacher zum Vergnügen des Publikums erst einmal sein Selbstbewusstsein etwas auf. Stellte er sich in "Ich bin nicht so" noch als scheuen, von Frauen unbeachteten Verlierer dar, so brauchte er nicht lange, um sich im Zwiegespräch mit Goethe, dem Meister aller deutschsprachigen Dichter, zu messen. Der Sieg im rasanten Wortgefecht um Kaisers je nach Sichtweise nicht vorhandenes oder riesiges Talent ging an den Poetry Slammer. Beflügelt und bestätigt in seiner Ansicht, der nächste Schiller zu sein, machte sich Kaiser wortgewandt, amüsant, aber auch mit knallharter Kritik auf, die Welt zu verbessern. Er wünsche sich eine Welt ohne Krieg und Hunger, in der "Feel Africa" nicht eine Touristenattraktion sei, sondern als bitterer Ernst erkannt werde. Er beendete seinen Aufruf eindrücklich mit einem Aufruf zum Handeln - und einer Portion Selbsterkenntnis. "Wäre ich tatsächlich ein Weltverbesserer, würde ich nicht vor euch stehen und euch davon erzählen."
Hochstehender Jazz
Kaiser erzeugte bald ausgelassene, bald nachdenkliche, aber stets wortgewaltige Stimmung. So auch, als er zu beweisen versuchte, dass Männer, entgegen dem gängigen Klischee, doch tanzen können. Der Sprachkünstler hatte bei der praktischen Ausführung allerdings Probleme - Corretto hatten wohl seinen Anteil Rhythmusgefühl für sich in Anspruch genommen. Die Band übernahm nun das Zepter auf der Bühne und erzeugte mit einer gelungenen Mischung aus Jazz, Tango und Reggae eine warme Stimmung. Das Trio um Pino Buoro (Bass, Gesang), Nina Rechsteiner (Violine) und Ernst Waespe (Akkordeon) machte sich mit der ausgefallenen Instrumentierung und viel Musikalität Welthits wie "Fever" oder Norah Jones' "Don't Know Why" zu eigen. Die eher gemächlichen Stücke standen im extremen Gegensatz zu Renato Kaisers Wortspielen, deren schwindelerregendes Tempo den Hirnwindungen der Zuschauer zuweilen Höchstleistungen abverlangte.
Zu direkt für Aeschbacher
Nicht umsonst ist er der erfolgreichste Slammer der Schweiz. Kürzlich war er im Schweizer Fernsehen bei "Aeschbacher" zu Gast. "Ich bin an zwei Anlässen aufgetreten, die Kurt Aeschbacher moderiert hat. Er fand mich gut und hat mich in die Sendung eingeladen", erzählte Kaiser. Allerdings sei sein Textvorschlag, den er eigens für und über die Sendung geschrieben hatte, nicht akzeptiert worden. "Keine Ahnung, warum, vielleicht habt ihr ja eine Idee", meinte er lakonisch zum Publikum. In Goldach liess er es sich nämlich nicht nehmen, den äusserst direkten und pointierten Text über Aeschbacher, seine Sendung und die Kellergewölbe des Schweizer Fernsehens zu präsentieren. Die Lacher hatte er auf seiner Seite. Manch einer fragte sich allerdings, ob Kaiser diesen Text tatsächlich eingeschickt hatte. "Habe ich", bestätigte er grinsend.
Finale im Zeichen der Liebe
Dass Poetry Slam durchaus auch ernst sein kann, bewies der junge Dichter mit seinem letzten Text zum Thema Liebe. Begleitet von Corretto versuchte er dem Geheimnis des Mysteriums Liebe auf den Grund zu gehen. Dabei zog er alle Register seines Könnens, redete sich mal in einen Rausch, lauschte dann, als warte er auf eine Eingebung. Dann wieder schrie er aus vollem Halse, nur um herauszufinden, dass Flüstern genauso viel Gehör findet.
Das Publikum belohnte die vier Künstler mit begeistertem Applaus für die Darbietung und einige neu gewonnene Erkenntnisse. Denn zumindest zwei von Renato Kaisers Aussagen zu Beginn des Abends relativierten die Künstler später selbst: Corretto können höchstens dann als Durchschnitt beurteilt werden, wenn mit kaiserlichem Massstab gemessen wird. Und was den Poetry Slammer betrifft: Er ist kein Kaiser. Seine Identität blieb unklar, stellte er sich auf der Bühne doch wahlweise als prädestinierten Verlierer, Frauenhelden oder genialen Dichter dar. Klar ist aber: Renato Kaiser beherrscht den Umgang mit Worten wie kaum ein anderer.
